Berner Zeitung BZ / Samstag, 16.Juni 2001

Der eiserne Mann und die friedliche Taube

Seine Fabrikhalle nennt er «Metallgarten», sich selber «Eisenbezogen» statt Künstler. Roger Bertsch biegt, schweisst, gestaltet Eisen und macht daraus Kunst. Einen dürstenden «Tantalos»-Brunnen, einen kopflosen «Eidgenossen». Oder eine Taube, die den Frieden auf einen Waffenplatz tragen soll. Elsbeth Hobmeier Ping, ping, ping. Ein heller Ton schwirrt durch die Werkhalle. Der schwere Hammer saust durch die Luft, das Feuer lodert in der Esse, und der blonde Wuschelkopf beugt sich tiefer über das Eisen. Roger Bertsch ist in seine Arbeit vertieft, eine heikle Arbeit: Er schmiedet einen filigranen Olivenzweig. Ein Zweig? Der will nicht recht zu den schweren Eisenskulpturen rundum passen, zum «Eidgenossen» etwa, dem grossen Stein in massgeschmiedeten Schwingerhosen, schwerfällig und kopflos. Oder zum «Tantalos», dem Brunnen mit fünf schalenförmigen Händen, die vergeblich nach Wasser lechzen. Die Werkhalle ist Ausstellungsraum, Materialdepot und Ideenfundus zugleich, ein Tohuwabohu von rohen Eisenteilen und archaischen Kunstwerken. Nirgends lässt sich so etwas Feines wie dieser Zweig entdecken. Eine neue Schaffensphase? Frieden stiften Roger Bertsch hebt den Wuschelkopf, ein breites Grinsen huscht übers Gesicht, verliert sich in schwarzen Russspuren. «Meine Friedenstaube braucht doch einen Ölzweig in den Schnabel». Friedenstaube? Bertsch zeigt in den Vorhof seines «Metallgartens». Dort steht ein gegen vier Meter hoher Vogel mit rostig-golden glänzendem Gefieder. Den Schnabel hält er leicht geöffnet, erwartungsvoll ... ach ja, der Ölzweig. Die Friedenstaube hat Bertsch für den Waffenplatz Zürich-Kloten gemacht, zum 50-Jahr-Jubiläum der Übermittlungstruppen, das am 29./30. Juni gefeiert wird. «Die wollten was Sinniges - und es ist doch der Auftrag der Armee, Frieden zu stiften, oder?» Die Haare stehen wirr zu Berg, die schwarzen Hände gestikulieren, die blauen Augen blitzen: Bertsch ist in seinem Element, erklärt, wie er Tausende von Klammern, welche einst Kabel an Masten fesselten, zu dieser Riesentaube verarbeitet hat. «Sie schaut doch lieb!», sagt er fast zärtlich. Sagts, fährt per Gabelstapler hoch und steckt ihr den Ölzweig in den Schnabel. Roger Bertsch Eisenbezogen, Metallgarten, Worb. Das sind die Koordinaten eines 40-jährigen Mannes, der immer schon machte, was er wollte. Und der sich lieber «Eisenbezogen» statt Künstler nennt. Schon als Bub im Tscharnergut, dem ersten Hochhausquartier Berns, wollte er Musiker und Bauer werden. Mit zehn spielte er bereits Schlagzeug, ging dann ans Berner Konservatorium, trat mit Housi Wittlin , mit Resli Buri, mit Span auf - «der Berner Szene halt», lacht er. Ein Bauer dagegen wurde Roger Bertsch nicht, ein Erbauer von Konstruktionen und Möbeln aber schon. Er machte eine Lehre, lebte dann zehn Jahre als Schlossergeselle und Musiker, bis er sich mit dreissig für die Selbstständigkeit entschied. Die ehemalige Produktionshalle der Verzinkerei Worb gab den Ausschlag - die war zu mieten. Bertsch zog ein, schrieb das Gebäude mit «Schrottrenovationen» an, arbeitete, lebte, wohnte, feierte hier: «Ich hätte ja nicht noch Geld für eine Wohnung gehabt.» Inzwischen wohnt er in einem Appartement, steht aber meist schon frühmorgens an der Esse - «dann schmiede ich am liebsten, kann ich mich gut konzentrieren und nachdenken.» Weltoffen sein Er denkt gerne nach. Am liebsten für sich allein. Dann fallen ihm Titel wie «Konfliktlösung» oder «Triebwerke» ein. Er sinniert über die Triebe des Menschen, über die Geschäfte, die damit gemacht werden, über die Gefühle, die dabei auf der Strecke bleiben. Oder über die Hände, die er aus Eisen formt, zu Skulpturen verarbeitet und dann «Konfliktlösung» nennt. «Wenn alle die Hände in die Luft strecken würden, wäre es friedlich», erklärt er. Die nächste Ausstellung soll in Richtung «global denken» oder «Weltoffenheit» gehen - eine Reminiszenz an Brasilien, wo er eine Schmiede als Ausbildungsstätte für Strassenkinder einrichtete. Manchmal kann Roger Bertsch Eisenbezogen auch ganz romantisch sein: Dann taucht er seinen «Metallgarten» in sanftes Licht, macht «Kerzennächte» mit vielen, vielen («und ich meine viele») Kerzen. Denn wenn er mal übertreibe, dann grad richtig. Sagts und schwingt den Hammer. Ping, ping, ping.